SABINE JELINEK

VERTIGINOUS 2008-2009

Den Anfangspunkt nahm meine Fotoserie VERTIGINOUS, die auf analogem Weg mittels Langzeitbelichtung von fünfzehn Minuten bis zu über einer Stunde auf Film entsteht, bereits 1997 in Berlin mit der Arbeit “Stotternder Mond”. Im Sommer 2008 nahm ich einen längeren Aufenthalt in den österreichischen Alpen zum Anlass diese Serie fortzusetzen. Wie schon in anderen Serien, zum Beispiel bei “Transfiguration”, beschäftigt mich auch hier das Individuum und wie es in der Welt steht. Dies habe ich in der Fotoserie VERTIGINOUS im sprichwörtlichen Sinn umgesetzt. Wer nachts eine Stunde zu den Sternen oder zum Mond blickt, dem scheint die Erde ein fixer Standpunkt zu sein und die Sterne am Himmel wirken klein und fragil. Wenn ich nun auf eben diesen Himmel meine Kamera richte und festhalte was während dieser Zeit geschieht, verschiebt sich plötzlich dieser Eindruck. Nicht die da oben bewegen sich, sondern ich, oder besser gesagt der Boden unter meinen Füssen ist in ständiger Bewegung, man könnte fast sagen, in rasender Bewegung. Daher auch der Titel der Serie "Vertiginous", was so viel wie schwindelerregend bedeutet. Meine Arbeiten entstanden an Orten, wo ich für länger Zeit gelebt und gearbeitet habe - zuletzt die Arbeit “Am Himmelreich”, in dem Wiener Bezirk gelegen, in dem ich aufgewachsen bin.

"Erst einmal hatte ich – als Fünft- oder Sechstkläßler, beim Zelten mit ein paar Freunden auf der Kuppe eines Berges – so viele Sterne gesehen, daß der ganze Himmel davon ausgefüllt gewesen war. Es hatte fast so ausgesehen, als könnte der Himmel jeden Augenblick unter der Last all dieser Dinger einbrechen und herunterkrachen. Noch nie hatte ich solch einen unglaublichen Himmel voller Sterne gesehen. […] Doch je länger ich schaute, desto unruhiger machte es mich. Es gab einfach zuviel Sterne, und der Himmel war zu groß und tief: ein riesiges, überwältigendes fremdartiges Gebilde, das mich ringsum umgab, mich umhüllte und fast schwindelig machte. Bis zu diesem Moment hatte ich immer geglaubt, die Erde, auf der ich stand, sei ein fester Körper, der für immer bestehen würde. Oder besser gesagt, ich hatte mir nie irgendwelche Gedanken darüber gemacht. Ich hatte es einfach stillschweigend vorausgesetzt." 

(aus: Haruki Murakami, Mister Aufziehvogel, S. 318  f. )

 

"Once before, when camping on a mountaintop with some friends when I was ten or eleven, I had seen stars in such numbers that they filled the sky. It almost seemed as if the sky would break under the weight of all those things and come tumbling down. Never had I seen such an amazing skyful of stars. […] The longer I watched, though, the more nervous it made me. There were simply too many stars, and the sky was too vast and deep. A huge, overpowering foreign object, it surrounded me, enveloped me, and made me feel almost dizzy. Until that moment, I had always thought that the earth on which I stood was a solid object that would last for ever. Or rather, I had never thought about such a thing at all. I had simply taken it for granted.”

(Haruki Murakami, The Wind-up Bird Chronicle, S. 248)

"Vertiginous IV-V", 2009 (C-Prints, je 100 x 125 cm each) / "Vertiginous I-III", 2008 (C-Prints, je 130 x 160 cm each) / "Stotternder Mond (Berlin 1997)" {Stammering Moon (Berlin 1997)}, 2009 (C-Print, 100 x 100 cm)

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