SABINE JELINEK

VERORTUNGEN VON FRAUEN IM STADTRAUM 2008-2009

In ihrer neuen Serie „Nach Frauen benannte Straßen und Plätze“ widmet sich Sabine Jelinek, Wiener Plätzen, die nach weiblichen Persönlichkeiten benannt wurden. In diesen Fotografien sind die gezeigten Orte in ihrer Gesamtheit schwer greifbar, manchmal kaum als Plätze erkennbar. Nicht der Platz als eine Raumfigur im Stadtgefüge ist es, was Sabine Jelinek zu sehen gibt, sondern unspektakuläre „Ecken“ Wiens. Zum Platz werden sie innerhalb der Fotografien meist erst durch das Straßenschild: Cornelia-Giese-Platz, Irene-Harand-Platz, Henriettenplatz, Burjanplatz, Brigittaplatz, Gertrude-Wondrack-Platz.

So wie die Form des Platzes für Sabine Jelinek eine untergeordnete Rolle spielt, so geht es ihr in erster Linie auch nicht um aussagekräftige Details oder um eine wie auch immer geartete Erzählung. Trotz dieser Zurückhaltung was die Bildmittel betrifft, gibt es genügend Informationen, die es erlauben, den fotografierten Ort zu „lesen“, d.h. anhand von Architektur, Stadtmöblierung oder Gestaltung der Verkehrsflächen Rückschlüsse auf dessen Entwicklung und Position im Hinblick auf Zentrum/Peripherie, oder die soziale Struktur des Grätzels zu ziehen. Und schon sind wir mitten im Geschehen: Wir sind dort, wo Architektur, Städtebau, Wirtschaft und Politik ganz unmittelbar das Leben von Menschen strukturieren, wo sich also Machtverhältnisse in den Stadtkörper einschreiben und umgekehrt einzelne Menschen ihre Spuren im Stadtraum hinterlassen.

Doch damit nicht genug: Sabine Jelinek zeigt Plätze, die nach Frauen benannt wurden. Sie lenkt so den Blick auf zentrale Fragen des öffentlichen Raums und der Geschlechterordnung, sind doch seit jeher das Öffentliche und das Private, die sozialen wie symbolischen Räume ungleich konnotiert und die damit verbundenen Möglichkeiten und Restriktionen ungleich verteilt. Diese Ungleichheit spiegelt sich im realen Stadtraum wider, begegnet uns auf den Straßenschildern und auf den offiziellen Denkmälern ja fast durchgängig nur Männer. Frauen hingegen wird kaum Bedeutung beigemessen.

Die von Sabine Jelinek fotografierten Plätze stellen so gesehen Ausnahmen im Stadtgefüge dar. Die Fokussierung auf diese Orte und ihre Benennung macht damit auf die große Leerstelle aufmerksam, auf die über weiten Strecken fehlende Teilhabe von Frauen an der öffentlichen Rede in der öffentlichen Arena – letztlich auf ihrer Exklusion von der Macht.

Die Fotoserie von Sabine Jelinek macht die Verhältnisse der Geschlechter sichtbar, verortet sie im Stadtraum und setzt ihre Realitäten ins Bild. Mit diesem Bestehen auf der Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum und im symbolischen Raum des Öffentlichen erschließen sich, so ist jedenfalls zu hoffen, neue Handlungsräume, die genutzt werden wollen.

Gudrun Ratzinger

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